Ein Buddha sitzt auf fernen Hügeln
sein Leib ist schmal und schimmert golden
am Abend hebt er sich mit Flügeln
die unzerbrechlich sind wie Dolden
und läßt den Tag aus seinen Zügeln
(1989)
Was ist neu? Hören: Notizen zu einem Konzert; Athanas: Venezia (1982); Athanas: Saint-Remèze (1981)
I n h a l t :
Tisvilde
Ein Buddha sitzt auf fernen Hügeln
Der letzte Dampfer
Gespräch ins Tisvilde
Schichtungen
Ein ausladender Blauregenzweig
Ein Kelch strebt auf
Schwarze Fächer von Farnen
Geschmack von Traurigkeit
Athanas
Venezia
Saint-Remèze
Felder IX
Felder VIII
Ich schaufle die Laubhaufen auf
Meerzeit
Aus Morgendunst erstieg
Du gleitest durch die grüne Jade
Schwarz war der Himmel
Felder VII
Impromptu
Große gelbe Blätterverwehung
Hoher Sommer
Sommermittag
Im Mai
Tag vor den Osterfeuern
Zerbrechlichstes Eis hält die Schilfgräser fest
Das bleiche Gras der beiden Deiche
Auf einmal gingst du mitten im Apfelblütenwind
Der Wind im Mai in meinem Schattengarten
Übermäßig an einem späten Märzvormittag
Die Schneeglöckchen sind fort
Januar
Sei Wald, sei Wurzel
In eine Waldkathedrale trete ich ein
Athanas
Schwarzer Salbei
Späte Himbeere
Pappeln I
Pappeln II
Felder I
Felder II
Felder III
Ein großes Tier legt sich zur nahen Nacht
Felder IV
Felder V
Regen, tiefer Boden, ein Acker
Felder VI
See
Pappeln III
Fluß
Flussufer, verhaltenes Licht
Die Farbe des Meeres ist glatte Jade
Mit winzigen Pastellaugen blüht der Thymian
Die Pappeln am Hafen von Kappelshamn
Wasserlilien
Destille
Der Eisfuchs steckt mir seine Rute
Molly im Bade
Mollys Stimme
Meine andalusische Tänzerin
Anna, ich sah dich im Bus
Mollys Zunge III
Mollys Zunge II
Mollys Zunge I
Zugvögel sind wir, verstreut
Hamburg, Ballindamm
Wenn du da bist
Eine schlafende Prinzessin
Abschied
Plaza de Quevedo
Einst erhielt ich
Heimkehr
Ich bin eine dünne Membran
Ein Hautflügler bin ich
Ich bin eine Wildgans
In meinem Fach finde ich
Lichtspur zergleißt den ovalen Spiegel
Ich bin eine Unterwasserpflanze
Wild Romance
Zeit der Kirschen
Berlin-Chamissoplatz
Gestern sind wir dann
Zärtliche Gleichgültigkeit
Auf den Häfen
Lange Zeit hatte ich
Stillgehaltenes Licht
Es wohnt bei mir seit einer guten Zeit
Verwunschene Birke
Du hast ein Studio hinter meiner Stirn
Ode an die Birke
Verwunschene Birke
Bist du ein Vogeler-Mädchen
Im luftigen Sommerkleid
Im Park und zwei Kugeln Eis im Glas
Zwei Liebende am Ufer stehen
Erhabene Göttin der Jagd
Ich öffne das Fenster
In deiner Farbe lindgrün
Erwartung macht große Augen
Zwei gewundene Linien
Murmeln im Nebenzimmer
Schwere Nachtluft strömt durchs dunkle Fenster
Erster Sommer
Zweiter Sommer
Dritter Sommer
Jetzt gehst du manchmal in Bars
Kleine Afka dich vermissen
Ein schüchternes Reh am Brunnen
Trauer ist ein bitterer Farn
Du sitzt in einer Ecke im Café
Blüten, verweht
Nénuphar
Efeu rankt hinauf dir in das Haar
fünf blüten wirbeln übers papier
Kein Lufthauch bewegt sich
Frühlingsnacht
RN Montluçon à Bourges
Schneefedern, weiße Fasern aus Schnee
Heut morgen, da erschienst du mir
Auf einem Birkenstamm
Hören
Notizen zu einem Konzert
Winterminute
Alte Meister
Bildung
Jemand hört zu
Das Mittagsläuten
Der letzte Ton einer Kammerstückes
Das Eisenbahnhorn
Dora
Aus der Neuen Welt
Aus der Otto-Nuschke-Straße
Überseestadt
Aus der Neuen Welt
Wie frisch es ist im Erdenreich
Das Innere des Riesengebirges
Am Parkplatz angekommen
Paris, Porte de Saint-Ouen
Pelagos
Die Zeit ist eine bleibende Flur
Gestern streifte eine kleine Bläue
Streiflicht auf römischen Fassaden
Ach, Eisblumen am Fenster
Hat keiner Zeit als der Regen
Berlin-Wannsee
Große dunkle Muschel
Menorca
Märkisch Oderland
Winter
Im Labyrinth
Jeder von uns trägt in sich
Ein Hautflügler bin ich
Ich saß auf einem Stuhl
Verhüllte Welt
Das Wetterleuchten
Du steckst fest im Labyrinth
Der Anruf
Der Entschluss
Unabhängigkeitserklärung
Das Teleskop
Die Brotdose
Nach der Klavierstunde
Schöne Stacheln schützen mich
Auf dem Flur
Im Zentralkomplex
Im Zentralkomplex
Cap Ferrutx
Gleich Regenfäden in der Nacht
Die Lesung
Der Zebrastreifen
Die Meistergeige
Somnium
Der Hubschrauber
Verträumtes Wesen, reich mir deine Hand
Du kommst heute nicht, Schlaf
Das Sterbezimmer
Schlafe, schlaf und wache nicht mehr auf
Das Anwesen
Heimkehr der Jäger
Der abgeschnittene Arm
Der Hotelgarten
Der Klassenraum
Der Bahnsteig der stehenden Wellen
Das Aquarium
Der Trichter
Das Karussell
Mollys Traum
Abschied vom Ghetto
Die Wohnung
Der Brief
Gästeseite
Lilly Osmers: Eva
Wolfram Ette: Notiz zum Orchester Gustav Mahlers
Louisa Küch: Change
Lilly Osmers: Kokain
Sofia Pukas: Ein Neujahrswunsch
_______________
Regen
Ich lese nur zwischen den Zeilen
Genervt vom Nachmittag
Unbekannte Zeit verbleibend
Heute war ich dabei
Ephemeriden
Spleen
Ein Kampf
Bernhard denkt nach
Bernhard bekommt einen Brief
Auf dem Weg von Damaskus
Die Laufkatze
Rhythmen
Vier Pfauen
Zwei Pfauen
A lieta vita
Gazelle und Silbertönchen
Bernhard verliert sich
Bernhard im Gehäuse
Mollys Gedicht
Im Kreml brennt noch Licht
Charp, am 16. Februar
Sinn und Form
Palast der Schneekönigin
Tod eines Katers
Der weiße Rehbock
Eine Dame im Pelz
Über die Lektüre von Schulheften
Mystik
Symphonie aus der Neuen Welt
Der Zettelkasten
Das Schneckenhaus
Wer seid ihr?
Die Taube
Ruhebedürftig
Die Jahre ohne Schlaf
Die wunderbaren Jahre
Im Café
Der Reißverschluss
Der goldene Käfig
Die Spinne
Die Hunde
Auf dem blauen Sofa
Der letzte Dampfer
Schattengruß der Ruderer
Glatt der See, im Licht
(2000)
G e s p r ä c h i n T i s v i l d e
Hinter der Kirche von Tisvilde steht ein kleiner Wald, der im Norden ans Meer reicht. Nach dem Tee bei Rasmussen gehen Christine und Luciano über die gewundenen, sandigen Wege bis zum Strand.
„Es geht um das richtige Leben, so war es abgemacht. Einige Jahre habe ich es mir vorenthalten. In einer Stadt auf dem Festland läßt sich kaum leben; sie hat keine Tiefe. Wenn höchstens einmal ein lastender Sommer ihre Balkone und Gärten streift, möchten wir davon reden. Ihre Steine haben sonst nichts in sich aufgenommen, strahlen nichts ab.“
„Ist das nicht ein zutiefst restaurativer Gedanke? Du verlierst dich, Luciano. Du bist gekränkt. Es gibt gar kein richtiges Leben. Jeder lebt richtig. Man kann nichts für die Verhältnisse. Aber sie lassen sich ändern, an jedem Ort, zu jeder Zeit. Du mußt es wollen und handeln. Jedes Handeln ist aber vorläufig.“
„Nein, Christine, das Alte erscheint öfter im Recht, als wir dachten, und manche Tradition wird man ihm lassen müssen. Nicht alles läßt sich ins Kommunikative ziehen, das darfst du nicht. Ich spreche wieder von dem Naturgrund, den viele nicht gelten lassen wollen. Natürlich haben wir ihn alle erfahren, in den freien Tagen unserer Kindheit. Später verschütten wir sie, oft willentlich. Merkwürdig ist, daß das peinliche Sinnieren im beginnenden Alter es noch weiterträgt, in vollendeter Naivität. Es wirkt in allem anstößig.“
„Die Jugend muß man nicht überhöhen. Daraus läßt sich gar nichts ableiten. Sie ist sehr unterschiedlich. Wenn man einige Dinge erinnern kann, einen Ausflug, einen lieben Gegenstand, ein Lob, dann ist es gut. Man wird da erst; jeder auf gleiche Weise. Die Verletzungen darf man nicht mitnehmen.“
„Mit einer gewissen Absicherung lebt es sich viel leichter, deutlicher und stärker. Man tritt auf. Das dürfen wir einige Zeit genießen, manche ihr Leben lang. Gut ist, wenn die Sicherung ein lösendes Moment hat. Wir wollen alle wieder fort in die Arme der Ungebundenheit. Wem gelingt es denn, sich auf dem Grat zu halten? Manchmal trifft man Menschen, die den festen und gleichzeitig zarten Gang zu verkörpern scheinen. Nachher ist man enttäuscht.“
„Eine Sicherung kommt nicht aus sich selbst, nicht von außen, auch nicht als Geschenk. Du vertust dich in dieser Erwartung, Luciano. Wer hat dich denn enttäuscht? Nur du selbst. Du wolltest Unerreichbares und wußtest nicht einmal, was es war. Jede Enttäuschung führt zu einem Neuanfang, den du nutzen mußt. Es gibt viele Wege, die du nacheinander begehen mußt.“
„Nein, du opferst den Konventionen, wenn es auch ohne sie grob zugeht. Das richtige Verhältnis zwischen Konvention und Anmaßung fällt schwer. Echte Irritation ist nicht angenehm. Wenn der Blick flattert, der einem in die Augen sieht, hat man es falsch angestellt. Ein fester Blick ist schön, der einem begegnet, am schönsten, wenn man in Ruhe einen Fehler in der Iris beobachten kann. Bei der Aufnahme mit alten Kameras muß man sich verneigen. Die moderne Inszenierung ist ein Opfer daran.“
„Zu tief in die Augen sehen! Du willst ja immer dahintersehen. Es gibt nur die Fehler in der Iris, und sie bilden das Auge. Niemand hat ein glattes Auge, du willst unangetastete Schönheit. Es gibt eigentlich keine Schönheit, nur dieses Gewimmel gibt es überall. An nichts mag sich das Auge festhalten. Alles strömt, kein Halt. Jede Ruhe ist falsch. In der ständigen Bewegung mußt du Ruhe finden.“
Christine raucht.
Im Sonnenlicht blinkt eine Himbeere rot auf.
„Scham ist ganz falsch. Da kommt das Leben gar nicht zum Zuge. Wer sich schämt, kann niemandem begegnen. Scham irritiert am meisten. Von manchen Dingen mag man sich abwenden, selbst wenn man allein ist. Wenn niemand sich schämte, wäre das das Paradies. Unmaß fordert die Scham heraus. Sich für andere zu schämen ist ein zuverlässiger Lebensausdruck. Ein solches Fundament läßt sich aber wohl nicht allgemeingültig legen.“
„Scham ist Folge einer eigenen Übertretung. Sie kommt aus dir selbst, nicht von den anderen. Nur in dir liegt sie. Niemand braucht sich zu schämen, der die eigenen Grenzen selbst festsetzt. Wir leben im Paradies, sieh dich um, Luciano, du siehst es nicht. Maßlosigkeit beschränkt sich selbst, ohne Regel. Alle Atome des Lebens stellen immer ein Gleichgewicht her.“
„Noch einmal von der Natur. Wer sich zerstört, lernt sie erst kennen. Diesen Weg beschreiten viele, weil er die geheime Hoffnung auf Erlösung nicht aufgibt. Wir haben ihn beide verlassen. Unser Körper wird uns zu Diensten sein wie alle Dinge der Natur. Wir ehren ihn durch Beobachtung.“
„Sich zerstören darf keiner. Vielleicht mußt du jemanden töten, das wäre dein Maß der Dinge. Mit diesem Außen lebe ich, das mir manchmal zu stark ist. Du betrachtest es als Innen, aber wie denn? Wer richtig lebt, hat es aus sich ausgelagert. Nur dann spüre ich meinen Körper, der nicht alles ist. In ihm lebe ich, ihn beobachte ich nicht.“
„Aber wer lebt denn, ohne in die Räume der Steine, der Gräser, der Schatten einzudringen? Wie kann man diese Innenräume vergessen? Wer wollte nicht aus den Fugen dieses Nachmittags die Zeit verschwinden sehen? Wer könnte leben ohne den Geruch eines breiten, grünen Flusses neben sich? So sind die Menschen anzusehen. Rasmussen muss ich wie ein Moos behandeln, das muß man nicht in die Sonne hervorziehen. Auch die beständigsten Steine zeigen innere Risse, die wie Versteinerungen von Ornamenten an der Witterung schnell zerbröckeln.“
„Eindringen kann ich nur in die Falten des Menschen. Das andere ist Metapher, nach der menschlichen Haut und seinen Eingeweiden gebildet. Aus den Menschen steigt Zeit, oder sie liegt auf ihnen. Die stumme Natur mußt du nach dem menschlichen Bilde sehen, so wie da hinter den Kiefern das Meer heute gnädig ist. Dieser Stein hier scheint eine Niere, jener eben ein anderes Organ, aber dein Auge kann doch kein Edelstein sein; nur blickt, wie bei Stifter, der schwarze See einen wie ein Auge an. Versteh einmal einen Menschen, Luciano, und du wirst eine Wolke, ein Gebirge verstehen. Vertrau dem Menschen, und die Natur laß liegen.“
„Warum dürfen wir keinen historischen Sieg erwarten, wo unsere Möglichkeiten entfaltet vor uns liegen werden? Daß wir nicht warten konnten, mag man uns vorwerfen. Aber sein Leben kann niemand übersehen. Warten, sehen, so findet man Pfade, selten mit der Axt.“
„Wir gehen doch von Beginn an unsern Weg. Du glaubst, daß es ein Kreis ist, was du auch anderes sagst. Warten mußt du nicht, sondern gehen. Du traust ja deinen Füßen nicht. Vom Gehen ist mir mein altes Zaudern inzwischen ganz aus dem Kopf gerutscht. Jeden Tag erringe ich Siege. Du wartest auf einen historischen Frieden, weil du dir ein Bürgerkrieg bist; ich bin mir selbst Friede.“
„Wer zu viele Schneisen schlägt, verirrt sich, weil er die natürliche Zeichnung des Waldes nicht mehr erkennt. Manche Wege sieht man nur aus großer Höhe, andere wiederum tragen Erdfärbung und laufen am Boden entlang. Nur ist der Mensch ein mittlerer und, wenn er nicht niedergedrückt wird oder sich erhöht, immer auf halber Höhe. So fürchtet er sich am meisten vor dem Menschen, der ihm unvermutet entgegenkommt.“
„Der Mensch scheint mir am einfachsten, doch bekomme ich Angst in diesem Wald, wenn sich die Dunkelheit gleich senkt.“
„Du müßtest Angst vor mir haben, Christine.“
„Du hast vor dir Angst, Luciano.“
Über dem Wald steht ein Habicht, der jetzt niederschießt.
(1996)
S c h i c h t u n g e n
Gehen ins Abendlicht, an der grünbraunen Tangkante entlang, an der Sanderhebung, am Aufwurf, den das stetige Anbranden hinterlassen und ausgestaltet hat. Dunkelrot leuchtet das Meergras im Sand auf, durchsichtig, punktuell aufbüschelnd. Die Enden ragen hirschhornkäferartig empor und recken ihre transparenten Fransenfasern in die Abendluft. Breite Tangblätter wie Tagliatelle, mandelfarben, gekocht, andere wie Baconspeck, hart, Gebilde des Meeres, die ihre weiche, mäandernde Form aufgegeben haben, die sie im Salzwasser hatten, und an der tötenden Luft erstarrt sind. Würfe man sie zurück ins Meer, blieben sie hart und unnachgiebig. Etwas hat sich verfestigt, nicht ohne Schönheit, kein Leiden ist mehr sichtbar, eine Ästhetisierung hat stattgefunden. Der Meeressaum bildet ständig neue kleine Sandlinien, die eine feine, sanfte Sandkante bilden, eine Schmuckborte, die wenige Sekunden lebt. Dann geht der nächste Schaumsaum über sie hinweg. Kürzestes Leben, zart, immer neu. Windwogende Sonnengräser werfen sich hin und her und verschwenden ihre Bewegung an die Heimkehrenden. Im Haus vor dem Meer dann das ewige Tidengerausche, wehender Ausdruck von Zeitlosigkeit. Fallendes Licht. Große rosa Abendwolke, stehst über der Meereshorizontlinie und ziehst sehr langsam nach Osten, wo morgen das Sonnenlicht an deine Stelle rückt. Über dir ist der Himmel noch hellblau, du selbst oben licht und durchleuchtet, dein Bauch lilagrau.
Morgens schon ergießt sich das stille Silberband in Schlieren über den Spiegel. Hinter den Birken liegt eine Hügelkette wie auf Bildern von Cézanne, graubraun, grün, taubenblau. Die Landschaft ist von einer Randmoräne eingefasst, deren Alter man auf achtzehntausend Jahre schätzt. Die sanfte urzeitliche Wallanlage umfasst zwei große Buchten mit jeweils etwa zehn Kilometern Meeresbreite. Der Boden des gesamten Plateaus ist aufgeschoben und gewellt. Riesige Kräfte haben die gesamte Formation gebildet. Das Gletschereis schmolz, und aus dem Toteis bildeten sich Senken oder Mulden. Christine und Luciano gehen zu einem Aussichtshügel ("Jernhatten") an der Ostseite des Plateaus, der den Blick auf die landschaftliche Eiszeitschöpfung freigibt.
Der Wind greift in die Wildrosensträucher. Dunkle Brombeeren zwischen den leuchtenden Hagebutten. Am Rande der kargen Rasenfläche steht ein Schreibhäuschen mit kleinem Tisch und Stuhl, Blick aufs silberne Wellengeglitzer. Birken und Ginster umstellen das schwarze Holzhaus vor dem Meer. Eine große Pinie verdeckt den Aussichtshügel, den "Eisenhut". Das Haus voller Kunstplakate aus den sechziger Jahren. Damals der Wille zur unbedingten Moderne, Schlichtheit, Ornamentlosigkeit, eine anspruchsvolle Bescheidenheit. Rückkehr sechzig Jahre später. Zwei Menschen brachen auf, kamen nirgendwo an und kehren zurück zum Anfang. Wohltuender Kreis. Christine und Luciano sitzen an dem einfachen Holztischchen im Morgenlicht.
Gewellte Hügelkuppenlandschaft mit Strohballen vor dem Horizont. Ausgreifende alte Buchen auf dem "Eisenhut", die sich vor dem graugeschichteten Himmel ducken. Einen knorrigen Beerenpfad hinab steigt man tief zum Meer. Der grobe Steinstrand empfängt die Wandernden mit alter Bekanntschaft. In einem riesigen Schuppen, eher Hangar, eine ehemalige Autowerkstatt. Die Grube ist mit Planken zugedeckt, die Werkzeuge sauber aufgereiht wie vor fünfzig Jahren. Die schüchterne alte Dame verkauft abgestandene Gemälde in abgeplatzen Rahmen. Der Ehemann tot seit Jahrzehnten. Was er geschaffen hat, bleibt im Zustand, wie er war, belassen und erhalten. Das Leben geht nicht weiter, sondern verstreicht. Luciano erwirbt einen alten Bilderrahmen mit Perlmutteinfassung. Umständlich und sehr sorgfältig verpackt ihn die Weißhaarige in eine Zeitung, faltet sauber die Ecken und verklebt das kleine Päckchen. Vielleicht wird man es niemals öffnen, und die Erinnerung bliebe auf ewig eingepackt. Tut dies zu meinem Gedächtnis, spricht die Frau. Oder Luciano packt ihn aus, stellt ihn mit Liebe wieder her und legt ein Bild hinter das matte Glas. So wird sein Tun zu einem Kabinett des Gedenkens. Am unzugänglichen See dann schwarze Erlen, Geschrei von Gänsen, die im Flug leben.
"Wir leben nicht im Flug, Luciano, wir haben in den Jahren Festes geschaffen. Wo wolltest du ankommen? Du warst immer bei dir selbst. Wir haben uns beide immer mitgenommen. Froh bin ich darüber und glücklich. Wir leben, und wir sind da." Christines Blick geht auf die Cézannesche Horizontlinie, die heute Abend ein feiner Regen in ein mattes Grau hüllt. "Wir leben im Haus vor dem Meer, Luciano, und sieh, wie in den fünfundzwanzig Jahren der Garten Gestalt bekommen hat. So alt sind die wilden Rosen schon, die uns umfangen. Der Ginster hat mit seinen Armen alles eingenommen, und Kiefern und Birken haben uns eingeschlossen. Wir leben hinter der Dornenhecke und haben noch einen Gutteil der hundert Jahre." "Vor den langen Jahren haben wir nach vorn geguckt, mit Bangen, mit Erwartung, und jetzt, Christine, gucken wir schon zurück. Nur die Gegenwart dazwischen haben wir nie im Vollzug betrachtet." Das Regenmeer ist helltürkis geworden vor petrolfarbenem Firmament und leuchtet fluoreszierend hervor. Der Abend bricht an, und man muss das Licht anmachen. Im Nachhinein immer erst stellen wir fest, dass wir an den Mysterien des Lebens teilgenommen haben.,
Morgenglitzern der Meeresfläche. Jeder Tag entwirft die Welt neu. Zwei ferne Segler haben sich nach Süden aufgemacht. Breite Sonnenbänder bilden eine durchsichtige Wand vor einer stillen Wolkenkette. Das Schimmern verengt sich zu einem schmalen Band, das den Horizont bildet. Davor das Meerseidentuch und darüber die große Wolkenleinwand im selben Graublau. Christine studiert die Strandvögel in einem Bestimmungsbuch. Lust auf Genauigkeit im Alter. Warum wusste man das vorher alles nicht? Jetzt ist auch die Wolkenkette grau geworden, die sehr enge Horizontlinie dunkelblau. Aus einer Wolkenverdichtung der Sonnenpunkt, noch strahlend und tief wärmend. Ein Vater mit seinem Kind kommt aus dem Meerbad, es muss kühl sein und frisch. Der Horizont ist weggewischt, das strukturierte Blaugrau eine Fläche. Vollkommene Stille vor kleinen Kiefern. Die Farben - obwohl des Nordens - sind die von Cézanne, gedecktes Blau und ockernes Schilf. Eine Viererkette von Segelschiffen, die den Horizont markiert im ununterscheidbaren Blaugrau. Jäh blendet die Morgensonne auf. Eine Hummel auf den stark duftenden Wildrosenblüten, die vielschichtig dunkelrosa aufleuchten. Die Hagebutten noch eher orange als rot. Lichtinseln vor unermesslichem Himmelsmeerblaugrau. Licht, zu schreiben. Durch die Jahre haben sich so viele Vergleichsmöglichkeiten hergestellt. Das Himmelsacryl kann verglichen werden mit: Cézanne, Monet, mit Rothko auch, Turner, sagt Christine, man denkt an Texte von Ponge, von Jaccottet, ganze Zeilen im Sinn. Die Fülle des Alters. Christine und Luciano haben viel in sich aufgenommen, sich angefüllt mit einer Welt von Ähnlichkeiten.
Eingeregnet auf der Landenge. Die rechts ansteigenden Berge von Mols erbleichen durch den starken Regen, schließlich weiß, sind sie kaum noch zu erkennen. Durch die Regenfäden überbelichtete Landschaft.
In den Abend gehen. Die Tangbandnudeln sind zu außerirdischen Gebilden geworden, die gegen die tiefstehende Sonne leuchten, wie galaktische Wohnhöhlen, die von Panton entworfen sein könnten. Eine verweste Robbe, deren Kopf abgebissen wurde, verliert ihre Eingeweide, die aus einem roten Blutloch hervorquellen. Aus einer ankernden Möwenkolonie stieben einzelne in den noch hellblauen Himmel auf. Die Kiesel im zurücklaufenden Brandungssaum formen spitze Abendschatten. Der zurückbleibende Schaumsaum lässt eine Naht zurück, die alsbald überspült wird. So war es immer, und zwei Menschen tauchen sehr kurz, vor dem Horizont der Ewigkeit, ins Licht.
Zwischen den Seiten eines Buches findet Luciano getrocknete Blumen, die er einst dort eingelegt und gepresst hat, und fragt sich, ob sie einsam sind. Zwischen den beiden hohen Kiefern steht ein blasser, zunehmender Mond, der sein drittes Viertel beginnt. Nach einer kurzen Lesezeit zeigt sich dem erneuten Blick die halbe Mondscheibe weit rechts von den Bäumen. So schnell hat sich die Erde gedreht. Man kann die Erddrehung anhand der Schattenlinie auf einem Tisch beobachten und mitverfolgen, so wie man den Minutenzeiger einer mechanischen Uhr sich langsam bewegen sieht.
Jeden Morgen das Meerhimmelsgemälde, ein Nolde. "Ich habe das Alter schon von Anfang an in mir getrragen, Christine, schon damals in Tisvilde. Jetzt ist es da." - "Es hat sich in dir vollendet, was in dir angelegt war. Du bist immer du geblieben, aber vor allem warst du schon immer ein reifer Mensch." - "Also habe ich nur abgewartet, was in mir geschieht." - "Du hast gearbeitet und mit mir Kinder großgezogen, Luciano. Das war weit mehr als abwarten." - "Aber wie unbewusst kommt es mir heute vor." - "Du bist in allem so bewusst, dass alles dir unbewusst erscheint." Das Meer liegt auf der einen Seite silbern vor ihnen, auf der anderen geradezu schwarz. Ein hellblaues Lichtloch im zerrissenen Weißgetupfe, ein pastoser Farbauftrag.
Schweben in den Farben. Die Kunst von Ólafur Elíasson ist zeitgenössisch, ein Turrell, in den Himmel versetzt. Sie treten in die Höhe hinaus, zögernd, auf der Schwelle verharrend. Vor ihnen tut sich ein grüner Glasgang auf, der, wie sie sehen, ins Gelbe, ins Rote, ins Blaue wechseln wird. Schwindelnd setzen sie die ersten Schritte, merken, dass der Boden sie hält und der Gleichgewichtssinn Grund findet. Sie stehen im Gelb und können jetzt den Blick nach außen wenden. Türme und Hafenkräne erscheinen deutlicher, dahinter das Meer, Haufen von Wolken, das Rot und Grün der Stadt ins Gelbe getaucht. Ein apokalytisches Bild ergibt sich. Die Glasfarbe schützt vor der Höhe, macht die Reisenden zu Besuchern von einem fremden Planeten. Sie achten eher auf die geschwungene Farbkonstruktion selbst als auf die unten und außen liegende Stadt. Eine Installation der absoluten Moderne. Man muss von Futurismus sprechen, vor sechzig Jahren wäre der Konstruktionsanspruch mit der Zahl 2000 versehen gewesen, mit dem Hinweis auf die Jahrtausendwende. Nun stehen wir weit im 21. Jahrhundert und können dessen Signatur noch nicht fassen. Wir nehmen seine Bauweisen, seine Installationen, seine Konstruktionen noch als erfüllte Ansprüche des 20. Jahrhunderts wahr, wenn auch digital zugänglich. Das Smartphone ist die Erfindung unseres Jahrhunderts und ersetzt hier die Papierbroschüre. Mehr noch nicht, außer der Sucht des ständigen Beurteilens. Die Kunst eine Retrowelle in die siebziger Jahre. Das Grün der Kantschen Brillengläser fällt Luciano ein, das drohende Rot der Goetheschen Farbenlehre. Jede Wahrnehmung hat ihren Filter, und unser Jahrhundert zerbricht daran, es zu lernen.
Nach dem Glasfarbkreis taucht man in ein dunkelviolettes Kabinett ein. Hier herrscht vollkommene Sammlung. Das Selbstportrait einer jungen Frau nimmt den Blick gefangen, der ans Dunkel langsam sich gewöhnt. Elisabeth Jerichau-Baumann hat es gemalt, um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Es zeigt ein Mädchengesicht, das aus dem Schwarz kommt, im Zentrum der Holztafel aufglimmt, nicht zur vollen Durchsetzung gelangt und sich wieder in den schattigen Malgrund zurücknimmt.
Das Meer ist eine dicke grüne Glasscheibe, wie in Regalen, wie im Kühlschrank, die vollkommen glatt ist. Der abgeschliffene Lack eines Bootsrumpfes nimmt die Farbe auf. Durch die gelben Felderwellen, auf denen eine riesige Landmaschine den halmbeschnittenen Erdboden grob umwendet und zugleich düngt. Der Dung ruft das Gefühl eines Zuhause hervor. Von den schwarzen Erdschollen fliegen Hunderte Stare auf, die Fremde verkünden. Geborgenheit wiederum verströmt der Geruch von Mirabellen, die – ebenfalls zu Hunderten –
auf die Landstraße gekugelt sind. Eine ganze Mirabellenkurve, Luciano und Christine gehen durch die Süße, und umhüllt von gelber Fruchtreife, sind sie aufgehoben in einem Wohlduft. Umgebt mich, Mirabellen, mit eurer Süße, werft mir unter die Füße die Kindheit, hebt mich für einen Augenblick ganz auf, schnell, Mirabellen, sonst ist das Glück zerdrückt.
Starker Wind an der Pappelschleuse. Ein Flussarm öffnet sich in die große Bucht, und Pappelreihen, die im Wind zittern, begleiten ihn. Eine Traurigkeit geht von den Pappeln aus – das hat Luciano immer gesehen –, doch liegt eine übermütige Fröhlichkeit im Wind, der in sie fährt. Christine kennt die Traurigkeit, die von Pappelspalieren ausgeht, und Luciano braucht keinen Proustschen Apparat, mit dem man die Stimmung eines geliebten Menschen messen könnte, wie der junge Marcel ihn sich wünscht, um seine Albertine genauer zu verstehen. Im Alter des Zusammenlebens sind wir solche Apparaturen geworden.
Abends am Leuchtturm ("Sletterhage Fyr"), den das wilde Meer fast umschließt, bricht statt des Abendlichts der Himmel für eine Minute auf, und ein weißes Gleißen ergießt sich in der Mitte des Sehfeldes auf die Schaumkronen. Die Schnellfähre nach Aarhus, die genau in diesen Himmelsspalt hineinschießt, peitscht ein breites Heckwasser auf. Die Wolkenschleuse schließt sich wieder.
Hinaustaumeln in den Sonnenwindmorgen. Das Meer eine kochende Stahlstraße. Das Erwachen ist strahlendes Licht. Aus dunklen Rechtfertigungsträumen wankt Luciano in den Morgen, der alles verbrennt. Der Lichtstern oben frisst das Gehirn. Licht, großer Vernichter.
Licht lässt seine Leichtigkeit über dem Land aus.
Schwere Mähdrescher, zu dritt versetzt in Reihen, durchpflügen die gelben Hügelkuppen, die Ährenspreu staubt auf. Riesige Lastwagen mit Anhängern fahren eine Mülldeponie an. Der Meeresweg wird steinig und endet in einem Kieswerk. Geröllstrand, nicht zu begehen. Die Wassertischdecke ein unendliches Kräuseltürkis. In jeder Kurve dunkelgrüne Löschteiche, Idylle der Blumengärten, hinter jedem Hügel das Meer, Säume von Pflaumen an den Straßenrändern, verbrannte Sonnengesichter in den Feldblumenrabatten, Schilf in den smaragdenen Teichen, nicht sichtbar das Wasser, so dass man auf einer moosigen Samtfläche gehen könnte, grüne Teichaugen in den gelben Felderwellen.
Über den Abend legt sich ein violetter Schleier aus Samt. Zwei rosa Wolken begleiten den Mond, der fast voll ist, eine kurze Zeit und sind mit ihm auf eine Kette gezogen, die oben und unten, in einem hellblaugrauen Himmelsstoff schwebend, dunkel eingefasst ist. Das Schauspiel dauert eine Minute; vorher war der Mond, der jetzt ein cremefarbenes Weiß zeigt, gar nicht zu sehen, und der Widerschein des roten Abendlichts hatte noch nicht das Wolkenrosa herausgearbeitet, weil noch zu viel Licht da war. Eine Minute, in der sich die rosa Mondwolkenbrille bildet und dann verschwindet.
Stille, helle Mondnacht, und dann ganz in der Frühe das Licht wie eine Leuchtkugel in den Himmel geschossen. Jetzt sieht das Meer in seiner Gleichmäßigkeit wie eine graue Mauer aus. Christine schläft. Frische Blüten der Wildroseneinfriedung streben hervor. Plötzlich glitzert ein Wellenfleck auf, der mit einem Sonnenloch korrespondiert. Fernes Segel. Heute Morgen verdichtet sich der Blick nicht zu einer Gesamtlandschaft. Es ist ein Geschenk, einen Zusammenhang des Eindrucks wahrzunehmen. Die Aufgabe der Kunst ist es, einen Gesamteindruck des Wahrnehmungsgefühls herzustellen. Gelingt dies ihr nicht, bleibt sie Konzept und Absicht, bloße Handlung ohne Verdichtung, ein Wahrhaftigkeitsbetrug.
Entschieden erinnert das Gestade mit der Kuppe des "Jernhatten" an Bilder von Cézanne. (Wie enttäuscht war Luciano, dass in seinem Atelier in Aix-en-Provence nur ein Bild hing.) Luciano glaubt, sie stellten eine Bucht dar, die L'Estaque hieß. Das Typische waren die Wolkenhäufungen, die Cézanne durch Flecken darstellte, und die Farben graublau, cremeweiß, ocker, dunkelgrün. Luciano hat die Farben genau vor Augen; hier sind sie noch einmal. Eine Fotografie will nicht gelingen. Wir tragen etwas Frühes in uns, eine erste Aufmerksamkeit, eine erste Belichtung der Netzhaut, ein erstes Erwachen der Wahrnehmung, das wir dann wiederfinden. Dieses Wiederfinden nennen wir Glück.
Über dem Cézanne-Gestade stehen fünf Wolkenflecken in einer Reihe. Es sind solche Stellen, die bei einem Gemälde auffordern, dicht heranzugehen, um zu sehen, wie sie gemacht wurden. Im Museum Barberini stand Luciano einmal vor wilden Borsten, die sich vor ihm formlos, ja, wie ein Haufen Dreck, ausbreiteten. Es war eine von Monet greifbar, geradezu begehbar gemalte Ortseinfahrt, Luciano glitt förmlich im Schneematsch aus. Er bekam den nahen Strich und den unfassbar natürlichen Seheindruck nicht zusammen.
Die Hässlichkeit des Hafens von Grenaa. Das Hafenbecken ist von grauen Fabrikhallen eingefasst: "Grenaa Motorfabrik". Dennoch herrscht das Hellblau in mehreren Farbnuancen vor. Die Fischkutter tragen das warme Hellblau, das so gut mit dem Rot und Weiß der Flagge zusammenstimmt, oft abgeplatzt auf das Holzgrau, dagegen der türkisblaue Nachmittagshimmel, dann das Grauhellblau oder Grünhellblau der Werkshallen, später des Fährterminals. Luciano hat eine Fotografie aufgenommen, um die Trostlosigkeit des Hafens festzuhalten. Nicht die Lagerhallen scheinen ihm zur Hässlichkeit beizutragen, sondern besonders eine breite Betonrampe, die ins Hafenbecken abfällt. Als er sein Bild später betrachtet, stellt er eine ihn sofort anspringende Schönheit der festgehaltenen Ansicht fest. Aber warum? Woran macht sich die Ästhetik fest, die er nicht sah und die ihm jetzt so augenfällig ist? Nach einer ganzen Zeit fällt es ihm in den Sinn. Seine Fotografie zeigt sich wie ein Gemälde. Es ist ein Gemälde, das er kennt. Das fotografierte Bild hat genau die gleichen Farben, und zwar in der gleichen Verteilung - Luciano erschrickt über die Ähnlichkeit, die er unbewusst hergestellt hat -, wie Vermeers "Ansicht von Delft". Luciano hat eine moderne Version von Prousts Lieblingsbild aufgenommen.
Am Abend wartet er voller Spannung darauf, dass der Vollmond über dem Meer aufgeht. Ganz unerwartet taucht ein blassrosa Halbkreis mit der flachen Seite nach unten wie ein Pilzhut aus dem Himmelsblau auf und nimmt ziemlich schnell, nach unten hin sich rundend, die Fläche einer Scheibe an. Das zarte Gebilde, das noch durchsichtig wie eine Qualle ist, wird dann rasch von Wolkenfäden durchzogen. Ein Segelschiff durchquert die Szenerie der Mondgenesis. Der Aufgang des Himmelskörpers, der einmal zur Erde gehörte, ist unirdisch und unwirklich. Eine Meeresqualle, durchsichtig rosa, fadenscheinig, ohne jede Stofflichkeit, steigt zum Himmel auf, Himmelfahrt eines pulsierenden Glaskörpers. Nachher wird der gelbe Vollmond eine breite Schleppe über das Meer werfen, einen Lichtstreifen wie auf den Fjordgemälden von Munch.
Eintauchen ins Meer. Du wirst leicht. Deine Atmung wird tief durch die anfängliche Kälte. Du liegst mit dem Gesicht nach unten auf dem Wasser. Du siehst den sandigen Grund, und darauf spielt und tanzt und webt das große, leichte, hellbraune Schattengeflecht, das das durchscheinende Sonnenlicht hervorbringt, das sich auf dem Wellengekräusel bricht. Um dich herum ein türkiser Glasraum, in dem du schwebst. Du atmest Luft in deinen Schwimmkörper ein, den du aufblähst, damit er schweben kann, du hast dich mit dem Element verwoben. Die Kälte ist gewichen, du bewegst deine Gliedmaßen, wie es an der Luft nicht möglich ist, auf und ab, kraulst leicht gegen die sanfte Winddrift an und bleibst auf derselben Stelle. Du füllst deine Lungen aufs Neue und liegst ruhig im Meer wie ein Kork. Du denkst nichts und beobachtest das hellbraune Sandbodenschattengeflecht, das fröhlich hin und her tanzt.
Tanzendes Schattengeflecht
bildest den schwankenden Grund
eines türkisen Glaskörpers.
Tanz eines Musters aus Schatten
schwankend auf sandigem Grund
bildest die lustigen, satten
Zungen vom meergrünen Mund.
Mondaufgang. Das Gestirn papieren, durchsichtig, durchscheinend, ein fragiler Lampion in zartestem Rosa, klein vor der taubenblauen Pappe aus Abendhimmel, die hinter der noch hell beleuchteten Grassteppe aufgestellt ist, eine unirdische Kulisse. Ein zartestrosa Reispapierschirm wird mit einer schwachen Lampe auf eine taubenblaue Leinwand projiziert.
Auf ein linnenblaues Blatt
wird ein hauchdünnes Japanpapier
aus zartestem Rosa, nicht von hier
aufgezogen und schimmert matt.
Das Morgenmeer nach dem Vollmond ist wild. Die Sonne verschleiert sich vor einer aufziehenden Quellbewölkung. Gegen die silberne Sonnenschleppe anschwimmen. Das Meer ist dunkelgrünes Glas. Benzingeruch eines nahen Fischerbootes. Die Arme rudern. Das Gefühl, der schmale Körper könne alles aushalten, einer Dazugehörigkeit zur Natur. Luciano freut sich auf das Frühstück mit Christine. Ihr gemeinsames Gespräch währt siebenunddreißig Jahre. Ihr Gespräch ist wie das Meer.
Durch den Wildgräserweg zum Nachmittagsmeer. Ein auf und ab wogender Jadeglaskörper, tanghaltig, die Sonne dringt nich mehr auf den Boden, doch leuchtet der glitzernde Bronzekörper in den hoch sich aufbauenden Wellen. Man kann sich nicht treiben lassen, sondern muss sein Bewusstsein der Dünung anpassen, den Wellentälern und Wellenkämmen. Auf dem Rückweg glänzen die Goldgräser.
Der frühe Morgen matt und beschwichtigend. Das Meer ist, wie der Himmel, ganz weiß, und eine Horizontlinie ist nicht erkennbar, so dass das Meerhimmelsgemälde als eine Papierfläche erscheint, allerdings mit einer Glühbirne darin. Später tanzen dann Hunderte von Schwalben auf und nieder, und beim Frühstück formieren sich ebensoviele Stare, fast zum Greifen nah, zu einem kollektiven Brombeerenangriff und stürzen dann, wie auf ein Kommando, in einer schwarzen Kugel auf, um ihren im Licht wechselnden Kugelschwarmflug überm Meer anzusetzen. Die kurzen Flügel der Stare leuchten bronze gegen die Sonne, der ganze Schwarm durchlichtet sich und schließt sich wieder zur Kugel wie ein polarisiertes Licht, wie Späne, deren Anziehungsmagnet abrupt die Achse gewechselt hat. Die Stare sind ein bewegtes Magnetfeld, dessen Polung sich auf einen geheimen Anruf hin ändert. Übrig bleiben die die helle Luft durchstürzenden Schwalben und deren sich energisch mitteilendes Morgengezwitscher. Das Meer inzwischen ein Silberkessel.
Nichts ist dem Trost vergleichbarer als eine dunkelgelbe Moosflechte auf einer roten Backsteinmauer. Im Garten von Schloss Rosenholm bekleidet die Flechte beruhigend eine alte Steintreppe. Auf dem mittelalterlichen Friedhof Rodsøgård zwischen den Meeren schmückt das leuchtende Ockermoos die Dachziegel der drei kleinen Türmchen der Eingangspforte. Du findest den trostreichen Zeitbewuchs auf einem Holzstück am Abendmeersaum, auf einem Feuerstein, der ihm eine Heimstatt bietet. Die drei Mauertürmchen des Friedhofs aber, durch die man weit in die Hügellandschaft, auf die beiden Buchten von Djursland blicken kann, greifen die drei Bäume von Proust auf, die dem kleinen Marcel zuwinken und, als er in der Kutsche vorüberfährt, Lebewohl sagen. Wie die Türme von Martinville, so verschieben sich auch hier in der Landschaft von Mols die weißen Kirchtürme mit ihrer treppenartigen Zinneneinfassung. Und plötzlich steht man vor dem "Dom von Mols", der eben noch Kilometer entfernt schien, und staunt über sein maurisch anmutendes Portal.
Geblendet vom Sonnenaufgang, dessen Licht flimmernd durch die Kiefernzweige bricht, die ihre Kontur in der Frühe flirrend verlieren. Luft und Wasser sind ununterscheidbar, aprikosener Dunst steigt dampfend auf.
Der Mond lässt lange auf sich warten. Es ist fast vollkommen dunkel, als eine riesige Orange über den Horizont kommt, nichts Durchsichtiges mehr, sondern eine feste Masse aus Lava, eine dunkelorange pulsierende Magmakugel, eine moderne Lampe der siebziger Jahre. Oder auch an eine alte Energiesparbirne erinnert der abnehmende Mond, die langsam angeht, an einen Ball aus dem Hochofenabstich, der zu einer Stahlkugel wird, an einen Schöpflöffel, der das Innere der Erde an den Horizont bringt und dann ans Himmelszelt.
Der Maler Jens Søndergaard hat die Sonne genauso gemalt - Christine und Luciano sehen seine Bilder, die sie an der Steilküste von Bovbjerg so oft betrachteten, wieder mit Erstaunen im Kunstmuseum von Randers -, als rotgelben Ball im schwarzen Ölhimmel, darunter die wilde Flut, die aufs Ufer hüpft. Ein anderes Bild zeigt das Ineinanderweben von Land und Meer in einem gekrümmten Horizont wie in einer Fischaugenlinse, links fällt das Meer ab, das immense Licht darauf einfach weiß, ein weißer, schichtartiger Farbauftrag, das Felderland bricht zur rechten Seite weg, in der Bildmitte laufen von vorn her Mädchen in das Pinselstrichgrün, das die Sonnenflecken hell- und dunkelgrün wiedergibt, vermalt, durchfahren mit wilden Strichen das Ganze, die Leinwandränder stehengelassen, die Figuren taumelnd, fliegend wie bei Chagall. Søndergaard ist der Meister dieser Jütlandhügel, der Meeresjade, des Himmelsschwarz.
Genau dieser Himmel begegnet auf der Rückfahrt von Randers, ein schwarzer Balken, der sich immer tiefer den tiefblonden Wogen der Felder nähert, der die Felderwellen küssen und berühren will, der tief eindringen will in die Weizenkämme mit seinen ausgreifenden Schwarzarmen, der niederkommen will wie bei einer Geburt. Ein immer kleiner werdender Hellblaustreifen hält ihn noch ab, doch ahnt der Mensch die Dramatik, die sich aufbaut, die den Himmel mit der Erdanmut verschmelzen will, das Licht für den heutigen Tag auslöschen will. Bis Ebeltoft hält das Lichtdrama an, in dem gelbe Halmwellenfelder auf der Flucht sind, dann fährt man in die wie immer freundlich daliegende Bucht ein. Es riecht nach Feuer, als hätte die Tragödie sich anderswo ereignet. Søndergaard hat auch diese Feuer ins Bild gesetzt, meist mitten hinein, um die schwarze Menschleiber herumstehen, irrend, sich suchend.
Eine große Schar von Wildgänsen fliegt in den Abend und wird von der tiefstehenden Sonne auf der Unterseite ihrer Formation golden beleuchtet. Tintendurchsetzt der orange-türkise Abendhimmel, an dem die Sonne unterging; auf der Gegenseite reiner Samt. Der Osten ist bereits durchscheinend auf den Sonnenaufgang hin, doch noch ist der Mond nicht über den Horizont gekommen. Wiederholtes Warten auf den Mondaufgang. Du tastest den Horizont, der gar nicht sichtbar ist, mit den Augen ab und wartest - aber wo genau? - auf einen roten Schein. (Niemals geht das Papiergestirn mit einem Schein auf.) Dann die Enttäuschung: Nicht über dem Horizont taucht ein dunkelgelber Halbkreis auf, sondern aus den Wolken heraus, auch weit nach links versetzt, schon fast über dem "Eisenhut"; dann wird der Mond bald über dem Cézanne-Gestade aufgehen, nicht mehr über dem Meer. So hat sich die Erde in der kurzen Zeit verschoben. Heute ist die Leuchtscheibe von einem scharzen Wolkenbalken getrennt, gespiegelte Hälften, dann umgekehrt oben und unten Wolken, so dass der unterwürfige Planet umheimlich wie ein großes Himmelsauge glüht.
Luciano wacht aus schweren Träumen auf. Seine Träume sind Schichtungen, Überlagerungen vergangener Zeit, die sich immer wieder gleich aufeinanderlegen.
Der Morgenhimmel dagegen eine Schichtung aus hellem Grau, das belebend in seiner Unruhe ist. Ein Dutzend Lagen von nach oben hin dunkler werdenden Wolken, die wie Watteschichten übereinander liegen. Zum Horizont hin öffnet sich immer stärker ein hellblau-gelber Streifen, der in die oberen Türmungen hineinleuchtet. Breite, matte Sonnenstrahlenstreifen fallen wie Regen aufs dunkelgraue Meer und künden von einem dahinterliegenden Licht, das noch nicht da ist. Ein Gemälde der klassischen Moderne könnte so aufgebaut sein. Vor dem ganzen Gebilde fliegt ein Kormoran.
Aufbrausendes Meer unter der Steilküste von Gjerrild, Inbegriff von Einsamkeit, Endpunkt der kilometerlangen dunkelgelben Felderwellenlandschaft, die Wegschleifen führen einen hin und wieder weg von der Küste und wieder hin, derselbe gelbe Hof einmal in der Sehkulisse, einmal steht man direkt davor. Unmengen von Seevögeln umstürmen die Gischt, darin ein Fels wie ein Mahnmal. Grün das Meer wie Absinth (Christine: "grau" - der ewige Farbenstreit), das an der schmalen Uferbesteinung anschlagende Wellenweiß tost und brüllt, voller Grimm, ohne Gnade (Christine: "unheimlich"), verschont niemanden. Zwei Surfer hart an der Brandung, Christine verlässt den Ort, weil sie befürchtet, die beiden ertrinken. Die Steilküste nimmt sich solche Opfergeschenke.
Geschmack von Herbst bei Schloss Sostrup, Kastanien sind scharenweise gefallen, der Wind fährt in die zerfressenen braunen Kronen und schüttelt das trockene Laub an den immensen Stämmen. Auf den Straßen verwehte Büschel von abgeernteten Erbsenranken. Der ganze Tag: Ernte, Einfuhr, Verwehen der Spreu, das Stroh in tausenden viereckigen Ballen auf den Feldern verteilt.
Vor der Regennacht ist das Meer weit heraufgekommen, die schwarze Tangkante lässt keinen Strand mehr frei. Was Ufer war, was begehbar war, wo auf dem Sanduntergrund Steine lagen und vereinzelte Muscheln, urzeitliche Versteinerungen zu finden waren und vertrocknete Disteln, blinkende Scherben und abgeschliffenes Holz von Schiffsleben zeugte - ist überflutet von einem angestiegenen Meeresspiegel, so dass die beiden Gehenden auf die dahinterliegende Böschung ausweichen. Abendgehen ins Dunkel, die gelben Restlichtflecken bald im Grau verschwindend.
Das dunkelgrüne Cézannegestade im Morgenmeergetose. Luciano hat durch Christine reichhaltiges Leben erfahren, sie durch ihn ein gleichmäßiges. Beide stehen sie am Haus vor dem Meer, die enorme Morgenbrandung entgegennehmend. Das Licht verbirgt sich.
Und dann ist es da: das sich Bahn brechende Licht, im linken Bildgrund das Gestade wie am ersten Tag, in den Farben Cézannes, graublau, mit Weiß versetzt, ocker, flaschengrün, alles in gestaffelt gesetzten Farbflecken vor dem Auge, davor die niedrigen Kiefern, die blätterflimmernden Birken, immer noch Blüten der wilden Rose, die nicht vergangen sind, deren Früchte inzwischen glasig rot wie Majolika, die Türen des Hauses vor dem Meer weit geöffnet, alles empfangend, der Blick geht, Abschied nehmend, auf einen differenziert gestalteten Himmel, dessen Grundstoff, obgleich schnell wechselnd, das leuchtende Hellblau bleibt, und auf das ausgeworfene Silbertablett des Meeres.
(2021)
Ein ausladender Blauregenzweig schickt seine
winzigen Duftblätter auf die Windreise, sie
tummeln, turteln, toben sich aus und
wehen erschöpft in einen von Kühle atmenden
Terracottaflur, der den erhitzen Blütenpapieren
ein schattiges Bett gibt, sie aufnimmt, ihre
Atemlosigkeit lindert, ihr heißes Verglühen und
Verblühen mildert und ihnen eine Bleibestatt verleiht.
(2019)
Ein Kelch strebt auf
und bindet sich beizeiten an die Nacht
im Unterwerk die spitze Knospe lacht
Geschichtung von Lasur bricht auf
(2017)
Schwarze Fächer von Farnen
lächelnd umgarnen
einen Kelch von Traurigkeit
dichte raue Zeit
verhängtes Geschick zu tarnen
Bitterer Farn, deine Schwärze
schmeckt mir mild auf der Zunge
umhüllt mich wie wärmende Nerze
Nervengewächse ganz junge
geht mir zu Herze
(2019)
Geschmack von Traurigkeit
wann war es denn das erste Mal
dass Traurigkeit mich so befiel
und sprach mich an und wollte viel
und ihr Geschmack war neu und schal
ganz früh Melancholie aufs Brot
mit Sahne oder auch gefüllt
sogar in Schokolade eingehüllt
da war ich schon seit Jahren tot
wer Traurigkeit zum Frühstück isst
muss eine Tasse Tee dazu genießen
der wohl aus einer alten Dose stammt
man muss ihn langsam in die Tasse gießen
wie eine lange Angst aus Samt
die tröstende, die aufhört und vergisst
(2019)